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nach oben Mama, wann gehn wir endlich nach Hause Aber meine Puppe! … Ein nie vergessener Tag in meinem Leben
Siegfried Engelhardt Der Angriff am 26. November 1944 und die Katastrophe auf der Teutonia Der 26. November 1944 sollte der Tag sein, an dem die 8. US-Luftflotte das nachholen wollte, was am 4. November danebengegangen war. Es war der Totensonntag und  der Himmel war am Morgen bedeckt. Aber gegen Mittag klarte es auf  und als die Bomben fielen schien sogar die Sonne. An diesem Morgen starteten in England 1137 Bomber und 732 Begleitjäger. Die Bomber flogen in zwei getrennten Bomberströmen in Deutschland ein, der nördliche über Holland in den Raum Lingen mit Kurs auf den Dümmer See, der südliche über Belgien in den Raum Siegen. Als Ziele waren Eisenbahnanlagen in Hamm, Altenbeken, Osnabrück, Bielefeld Gütersloh und Herford festgelegt. Aber auch die letzte damals noch arbeitsfähige Ölraffinerie stand im Angriffsprogramm. Und das war Misburg. Für Misburg waren 243 Bomber des Typs B-17 (Fliegende Festung) und 57 des Typs B-24 (Liberator) vorgesehen. Diese Maschinen flogen in dem nördlichen Bomberstrom. Um 10.46 Uhr wurde in Misburg Fliegeralarm gegeben und kurz darauf wurde der Ort auch schon eingenebelt, offenbar in böser Vorahnung, denn zu diesem Zeitpunkt befand sich die Spitze der Bomberverbände noch im Raum des Dümmer Sees. Sie flogen weiter mit Kurs Ost bis in Höhe des Steinhuder Meeres, dann schwenkten die Verbände auf Kurs Nordost und flogen nördlich an Hannover vorbei bis in den Raum Soltau- Uelzen. Dort wendete ein Teil der Verbände auf Südwestkurs, der andere Teil flog zunächst mit Südostkurs in Richtung Braunschweig, drehte dann aber auf Kurs West und flog über Peine-Lehrte auf Misburg zu. Damit wurde Misburg in die Zange genommen und vom Nordosten und Osten gleichzeitig angegriffen. Die ersten Bomben fielen um 12.08 Uhr und dann rollten in ununterbrochene Folge die Bombenteppiche über Misburg hinweg. Insgesamt waren es 14 Bombenteppiche mit 3300 Bomben vom Kaliber 250 kg und 500 kg. Nach US Angaben wurde eine Bombenmenge von 863 t abgeworfen. Diese Menge übertraf alles, was bisher in einem Angriff auf Misburg herunterkam. Beim bisher schwersten Angriff am 20. Juni 1944 waren es „nur“ 506 t gewesen. Von der Gesamtmenge fielen etwa 2500 Bomben direkt auf  Misburger Gebiet. Das Erdbeben, das diese Bombenteppiche auslösten, dauerte eine halbe Stunde. Das war eine endlose Zeit für die Menschen, die eng zusammengekauert bei völliger Dunkelheit in den schwankenden Bunkern saßen. Durch die Lüftungsschächte war das Getöse der detonierenden Bomben zu hören. Im Bunker selbst herrschte eine beklemmende Stille. Niemand sprach ein Wort. Nur hin und wieder weinte irgendwo ein Kind. Alle hofften nur, dass das Inferno bald vorüber wäre.  Eine Katastrophe brach aber zur gleichen Zeit über die Bewohner des Wohngebietes Teutonia herein, die in einem Bunker auf dem Werksgelände  Schutz gesucht hatten. Insgesamt waren es etwa 100 Personen, meist Frauen, Kinder und ältere Leute. Eine Sprengbombe traf den Bunker von der Seite. Sie durchbrach die Außenwand des einen Schutzraumes und 45 Menschen, die sich in diesem Raum befunden hatten, kamen ums Leben. Alle anderen, die sich in den anderen Räumen oder auf den Gängen aufhielten, kamen mit dem Schrecken, aber auch z.T. mit schweren Verletzungen davon. Die Überlebenden retteten sich ins Freie und versorgten trotz der immer noch fallenden Bomben zunächst die Verletzten. Alle waren so benommen, dass sie gar nicht wahrnahmen, was um sie herum vorging. Hilfe durch Sanitäter oder einen Arzt gab es nicht. Erst am späten Nachmittag kam Herr Könnecker , der Leiter des Sanitätstrupps Misburg , der sich um die Verletzten kümmerte und, soweit erforderlich, den Abtransport in Krankenhäuser veranlasste. Die meisten der Toten sind in der Ehrenanlage des Anderter Friedhofs in der Ostfeldstraße in einem Gemeinschaftsgrab bestattet worden. Dieser Angriff forderte aber noch weitere Opfer. Ein Misburger kam im Eingang des Bunkers an der Bahnhofstraße (Anderter Straße) ums Leben, als er durch die Druckwelle einer in der Nähe einschlagenden Bombe gegen die Wand geschleudert wurde. Zwei Soldaten der Nebelkompanie und ein Kriegsgefangener wurden auf dem Gelände des Güterbahnhofs getötet. Auch in den Flakbatterien Am Blauen See und in Ahlten hatte es Tote gegeben. Diese Batterien wurden während des laufenden Angriffs gezielt auch durch Tiefflieger angegriffen. Die Misburger Batterie wurde von 17 Sprengbomben getroffen und schwer beschädigt. Die Ahltener Batterie soll noch schwerer getroffen worden sein. Jedoch sind darüber keine Einzelheiten zu ermitteln gewesen. Aber auch für die Angreifer war dieser Einsatz kein Spaziergang gewesen. Die deutsche Luftwaffe hatte an diesem Tage noch einmal etwa 500 Jagdflugzeuge, auch Nachtjäger, aufgeboten, die sich der erdrückenden Übermacht der angreifenden Bomber- und Jagdverbände entgegenwarfen. Roger A. Freeman geht in seinem Buch „The Mighty Eight“ direkt auf diesen Angriff ein. Er berichtet, dass unmittelbar über dem Ziel (Misburg), gerade als die beiden Gruppen der Liberator-Bomber beim Abwurf der Bomben waren, sich eine Gruppe von Focke-Wulf-Jägern in mehreren Wellen von oben durch die dichtaufgeschlossen fliegenden Bomber stürzte und dabei 20 von ihnen herunterholte. Vier  dieser Bomber stürzten im Gebiet zwischen Misburger Wald und Fasanenkrug ab. Dieser Angriff der deutschen Jäger muß schon mit dem Mut der Verzweiflung geflogen worden sein, denn sie setzten sich nicht nur dem Abwehrfeuer der eigenen Flak aus, sondern sie gerieten beim Abtauchen nach dem Angriff auch noch zwischen die fallenden Bomben. Diese Angriffsmethode wurde zuerst von den deutschen Nachtjägern angewendet und hieß in ihrer Sprache „Die wilde Sau“. Insgesamt wurden bei diesem Angriff 35 amerikanische Bomber abgeschossen. Die deutschen Jagdflieger verloren selbst 87 Maschinen. Dabei fanden 57 Piloten, darunter 5 Staffelkapitäne, den Tod . Diese Schilderung zeigt, wie unerbittlich der Luftkrieg zu dieser Zeit geführt wurde. Die hohen Verluste und dazu der Mangel an Treibstoff führten in kurzer Zeit zum völligen Zusammenbruch der deutschen Luftverteidigung. Als sich die Misburger nach der Entwarnung um 13.24 Uhr, noch immer geschockt von den Ereignissen der letzten Stunde, aus den Bunkern wieder ans Tageslicht wagen konnten, fanden sie nur noch ein Chaos vor. Die Zerstörungen im Ort hatten ein Ausmaß erreicht, wie noch niemals zuvor. Allein 500 Sprengbomben hatten die Deurag-Nerag getroffen. Das Werk stand voll in Flammen und darüber stieg wieder einmal ein riesiger Rauchpilz in die Höhe. Der entstandene Sachschaden wurde auf etwa 4,5 Millionen Reichsmark geschätzt. Von etwa 550 Bomben getroffen, war die Güterbahnstrecke zwischen Güterbahnhof und Lehrte  förmlich umgepflügt worden. Auch in die Anlagen des Stichkanals waren  50 Bomben eingeschlagen. Auf die Misburger Zementwerke HPC, Norddeutsche PC und Germania fielen 145 Bomben. Die Werkstätten der Firma Hermann Rethfeldt wurden von 10 Bomben getroffen. Die Teutonia, die Eisengießerei HEAG und Firma Kraul & Wilkening & Stelling erhielten zusammen etwa 350 Bombentreffer (Bei der HEAG wurden damals Granaten produziert). In allen getroffenen Industriebetrieben trat für nicht absehbare Zeit ein totaler Produktionsausfall ein. Im Bereich der Hindenburgschleuse wurden 40 Bombeneinschläge gezählt. Die Schleuse selbst wurde aber nur leicht beschädigt. Die Wohngebiete im Umkreis der Straße Am Seelberg, der Hannoverschen Straße, der Buchholzer Straße, der Waldstraße, der Bahnhofstraße (Anderter Straße), Teutonia und Jerusalem wurden insgesamt von 800 Sprengbomben getroffen. Dabei wurden 65 Wohnhäuser total zerstört, 68 schwer, 42 mittelschwer und 83 leicht beschädigt. Die Dach- und Fensterschäden waren gar nicht zu erfassen. 1350 Mitbürger wurden obdachlos. Einen zweiten Volltreffer erhielt der Bunker an der Bahnhofstraße. Eine 500 Kg-Bombe schlug auf die NW-Ecke des Bunkers. Es entstand aber kein nennenswerter Schaden. Auch der Rundbunker (Wasserturm) wurde getroffen. Auch hier entstand nur leichter Schaden. Bei beiden Bunkern wurden die Gasschutztüren an den Eingängen zerstört. Sämtliche Versorgungsleitungen von Wasser, Elektrizität, Gas und Telefon waren durch 75 Bombentreffer zerstört worden, und die Straßen waren für Fahrzeuge unpassierbar. Die Volksschule I an der Johanniskirche wurde völlig zerstört. Auch das schöne Gebäude der Germania-Apotheke wurde dem Erdboden gleich gemacht. Das Bürgermeisteramt und die Johanniskirche wurden schwer, das Jugendheim mittelschwer beschädigt. Aber auch hannoversches und Langenhagener Gebiet wurde noch von Bomben getroffen. So wurde das Krankenhaus Neu-Bethesda durch 7 Sprengbomben total zerstört, ebenso die Tankstelle an der Autobahnauffahrt Podbielskistraße, die 8 Bombentreffer erhielt.  Weitere 435 Sprengbomben fielen auf freies Gelände. Als die Misburger nach dem ersten Schock wieder zur Tagesordnung übergingen und mit inzwischen gewohnter Routine darangingen Dächer, Fenster  und Türen zu reparieren, um die Wohnungen wenigsten notdürftig wetterfest zu machen, konnte keiner von ihnen ahnen, dass nur drei Tage später ein neuer schwerer Angriff auf Misburg erfolgen sollte. Quelle: Siegfried Engelhardt 5 Jahre im Hagel der Bomben - Die Chronik der Luftangriffe auf Misburg 1940 - 1945 Selbstverlag Siegfried Engelhardt, Hannover 1994 - S. 80ff
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Zerstörungen auf der Deurag-Nerag 1944/1945
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Das Buch ist erhältlich bei Wegeners Buchhandlung Hannover-Misburg Buchholzer Straße, Ecke Knauerweg