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Erinnerungen an die frühe Nachkriegszeit in Anderten - Zufluchtsort und neues Zuhause in ungewohnter dörflicher Umgebung - Bildbericht: Gisbert Selke
Bis zur Zerstörung Jerusalems am 15. März 1945 lebte ich im Schatten der Schornsteine der Zementwerke. Meine frühkindliche Erfahrungswelt beschränkte sich auf die nähere Umgebung des Geschäftshauses, das meine Großeltern 1913 gekauft hatten. Nach dem frühen Tode meines Großvaters führte meine Großmutter den Kolonialwaren bis zur Zerstörung des Hauses weiter. Vom Schützenplatz in Anderten aus lernte ich das dortige dörfliche Leben und Land- und Viehwirtschaft kennen. Noch hatte ich nicht die Körpergröße, um über die ausgedehnten Klinkerstein-Mauern, die die Bauernhöfe umgaben, hinwegzusehen. Doch ab und zu wurden die Mauern durch schmiedeeiserne Tore oder Gartenpforten unterbrochen, durch die ich einen Blick auf die liebevoll gepflegten Bauerngärten - eine Mischung aus Nutz- und Ziergärten - mit ihren Stauden, Gemüsepflanzen und Kräutern werfen konnte. Hier klebte nicht der feine Rohmehlstaub an den Zäunen, hier waren die Ziegeldächer nicht grau, sondern rot – eine andere, eine fremde Welt, obwohl unser neues und in jeder Hinsicht primitives Zuhause nur zwei Kilometer vom heimatlichen „Jerusalem“ entfernt war. Als wir in unsere Notunterkunft auf dem Schützenplatz einzogen, waren die Krokusse, Osterglocken und Narzissen bereits verblüht. Der Frühling hatte begonnen. Bald würden die dicken Knospen der Pfingstrosen aufbrechen und ihr verschwenderisches Blütenmeer entfalten. Hier und da kuschelten sich kleine Gruppen von Stiefmütterchen in sonnige Nischen der Bauerngärten. Im Rasen des Schützenplatzes blühten Löwenzahn und Gänseblümchen. Das gerade noch vorfrühlingshafte farblose Anderten hüllte sich in sattes Grün, durchsetzt mit kräftigen Farben zahlreicher Frühlingsblüher. Das leuchtende Gelb der Forsythien und Ranunkelsträucher signalisierte das Ende der kälteren Jahreszeiten. An den Kastanien leuchteten die kerzenähnlichen Blüten; in den in grelles Weiß gekleideten Obstbäumen summte und brummte es. Die welkenden Blüten der japanischen Zierkirschen wurden von den Winden durch die Straßen getragen. Hier und da ragte ein Goldregenstrauch über die Mauer. An den wenigen Koniferen waren bereits die jungen hellgrünen Triebe zu erkennen. Gut, dass mit dem Ende des Krieges der Frühling begonnen hatte. So wohnten wir zwar recht einfach, aber wir mussten nicht frieren. Meinen Eltern blieb noch etwas Zeit, unsere Behausung auf den nächsten Winter vorzubereiten. Wann immer es das Wetter zuließ, spielten wir „draußen“. Der Schützenplatz bot uns Platz genug. Wenn die freiwillige Feuerwehr übte, waren wir Kinder immer zur Stelle. Nie hatte ich zuvor ein Feuerwehrauto gesehen. Noch war der vor dem Spritzenhaus abgestellte Wagen in grüner Tarnfarbe gespritzt. Dann und wann durften wir während des Gerätedienstes auf den Mannschaftssitzen Platz nehmen. Das Gefühl, selbst einmal Feuerwehrmann spielen zu dürfen, ließ uns vergessen, dass wir selbst kaum Spielzeuge besaßen. Das ganze Dorf war unser Spielplatz. Es gab immer etwas zu beobachten. Die Erwachsenen verscheuchten uns nicht, sondern luden uns ein zu „helfen“. Spiel wurde so zum Tun, Tätigkeit zum Spiel. Natürlich wichen wir den Gefahren aus. Einen Bauernhof durfte man nicht ungefragt betreten. Oftmals wachte ein an langer Leine laufender Hund darüber, dass wir dem Treiben auf dem Hof nicht zu nahe kamen. Neben den Hofeinfahrten lagerte ein an kühlen Tagen dampfender Misthaufen, ein Zeichen für die auf allen Höfen praktizierte Viehhaltung. Spezialisierungen waren damals noch nicht üblich. Hühner, Enten und Gänse gehörten ebenso zum Vieh wie Kaninchen, Schafe, Ziegen, Schweine und Rinder. Niemals hatte ich in Misburg so viele Gespanne gesehen wie jetzt täglich in Anderten. Nur wenige Lanz-Traktoren tuckerten durch die engen Straßen des Dorfes. Im Standgas hoppelten die Angst einflößenden Einzylinder- Ungetüme Furcht erregend auf und nieder. Aus deren offenen Kühlern stieg eine feine Dampffahne auf wie aus dem Schornstein einer kleinen Lokomotive. Die wesentliche Feld- und Transportarbeit geschah mit kräftigen Ackerpferden, stattliche Tiere, die uns Kindern viel Respekt einflößten und die vom Pflug über diverse Landmaschinen und Acker- bzw. Leiterwagen bis hin zum gewaltigen dorfeigenen Schneepflug alles zogen, was für die Menschen allein nicht regierbar war. Ihr gemächliches rhythmisches Getrappel auf den mit großen Steinen gepflasterten Dorfstraßen entbehrte jeglicher Hektik und signalisierte etwas Entschleunigendes. Nur bei drohendem Regen oder aufziehendem Unwetter brachten die Gespannführer – das war ein anerkannter Beruf in der Landwirtschaft – die hoch beladenen Ernte- oder Heuwagengespanne auf Trab und lenkten sie mit konzentrierter Routine sicher auf die Höfe und in die schützenden Scheunen. Hörten wir beim Spielen ein schnelleres Getrappel, so gingen wir der drohenden Gefahr instinktiv weiträumig aus dem Wege. Wer unter ein Gespann oder einen Erntewagen geriet, hatte kaum einen Überlebenschance. Unvergessen ist mir der sonore Klang der Registrierkasse im Krackeschen Kaufmannsladen an der Hohestraße. Dort war das Sortiment noch breiter aufgestellt als im ehemaligen Laden meiner Oma Mathilde, ein Dorfladen, in dem es alles Notwendige – selbst Kohlen und Baustoffe - zu erwerben gab. Damals konnte man nur einkaufen, wenn man Lebensmittelkarten besaß. Kaufleute und Bäcker waren nicht frei wählbar. Die winzigen Karten-Abschnitte durften auf keinen Fall verloren gehen. Ersatz hätte es nicht gegeben. Den in Anderten gestrandeten Ausgebombten und Flüchtlingen wurden in den Rothwiesen jeweils 20 Ruten große Ackerstücke eingerichtet, auf denen Gemüse und Kartoffeln angebaut werden konnten. Obst und Gemüse gehörte damals nicht zum Sortiment der Kaufleute. Da Tabakwaren nach dem Kriege sehr knapp und vielfach unbezahlbar waren, wuchsen neben dem Gemüse immer auch einige Tabakpflanzen heran. Die goldgelben Blätter wurden nach der Ernte auf einen Bindfaden aufgespießt und zum Trocknen unter die Traufe der Baracke gehängt. Noch im Sommer 1945 begannen die Schützenplatzbewohner damit, kleine Hühnerställe und Gelasse zu bauen. Eintagsküken kaufte man in der Brutanstalt Siebecke am Eisteichweg. Die meisten Hennen durften so lange leben, wie sie Eier legten. Darüber hinaus wurden sie als Glucken gebraucht. Hatte eine Glucke ihre Küken ausgebrütet, wurden ihr bei Dunkelheit weitere Küken aus der Brutanstalt untergeschoben, so dass sie sich immer um eine stattliche Zahl eigener und adoptierter Tiere zu kümmern hatte. Ohne Hahn kein Nachwuchs im Federkleid. Der kräftigste Hahn hatte Vaterpflichten zu übernehmen; die übrigen Hähnchen landeten als schmackhafte Abwechslung auf dem Festtagstisch. Auf dem Schützenplatz fanden unsere Hühner genug Grünfutter, ein Schlaraffenland für das zahlreiche Federvieh. Wie durch ein Wunder fand das Federvieh abends immer den heimatlichen Hühnerstall. Da hockten sie dann auf dem „Wiemen“, den Sitzstangen für Hühner. Dort legten sie auch ihre Eier in die eingerichteten Nester. Schweine und andere größere Tiere durften noch nicht wieder gehalten werden. Als 1945 der Herbst begann, lernte ich das „Stoppeln“ kennen. Nach dem Abernten der Felder durften die Getreidereste und abgeschlagenen Köpfe von Runkeln und Zuckerrüben gestoppelt, also gesammelt werden. Die Bauern achten streng darauf, dass sich niemand an den noch nicht abgeernteten Flächen vergriff. Trotz aller Kontrollen machten es sich einige Sammler sehr leicht und stahlen insbesondere Zuckerrüben. Damals lernte ich Begriffe wie Ehrlichkeit und Unehrlichkeit kennen. Kommentar meiner Mutter: Junge, das ist nicht richtig; das tut man nicht. Wichtigstes Transportmittel war das Fahrrad. Den ersten Sack mit dem Gestoppelten klemmte man auf den Gepäckträger, den zweiten legte man in den Rahmen oberhalb des Tretlagers. Irgendwann hatte unser Vater aber einen Handwagen organisiert, der schnell unser wichtigstes Fahrzeug wurde. Aus den Rübenresten wurde von den Bewohnern des Schützenplatzes in den Kesseln der Küchenbaracke Sirup gekocht. Wir Kinder durften gegen Ende des Kochvorgangs schon mal etwas von dem Schaum probieren, der sich auf der Sirupmasse gebildet hatte. Nicht alle Anderter hatten Verständnis für die Barackenbewohner auf dem Schützenplatz. Dennoch habe ich hilfsbereite Menschen kennen gelernt, die uns heimlich mit Obst und Gemüse oder auch Milch unterstützten. Manchmal luden sie mich zum Essen ein oder erlaubten, mir die Hosentasche mit Falläpfeln vollzustopfen. Wenn ich heute durch das alte Dorf gehe, erinnere ich mich noch genau an die Höfe bzw. Häuser, in denen diese gutherzigen Menschen wohnten und an deren Namen. Sie halfen bereitwillig, obwohl sie von niemandem dazu aufgefordert worden waren. So werden sie immer zu den bemerkenswerten Personen meiner Lebensgeschichte gehören, halfen sie doch unserer Familie, die schwere Zeit nach Ausbombung und Kriegsende besser zu überstehen.
Notunterkunft am Schützenplatz 1945 - 1952 Haus Selke vor der Zerstörung 1945 Quelle: Lorenz Kurz Quelle: Lorenz Kurz